Kleine Helden - viele Fragen Drucken E-Mail
Geschrieben von Egbert Kemker   
Donnerstag, 21. Februar 2008

Alverskirchen. Mädchen kichern – Jungen sind wild. Mädchen spielen mit Puppen – Jungen spielen mit Autos. Die Liste der Vorurteile ließe sich endlos weiterführen. Doch gibt es überhaupt Situationen, in denen Mädchen sich anders verhalten als Jungen? Gibt es den typischen Jungen oder das typische Mädchen?

„Letztendlich ist doch jedes Kind einzigartig“, meinte Hildegard Bories-Osdiek. Und damit hat sie natürlich Recht. Vor etwa 15 Müttern referierte die freiberufliche Diplom-Sozialpädagogin am Dienstagabend im Alverskirchener Pfarrheim über das Thema „Erziehung von Jungen“. Bories-Osdiek blickt auf eine lange Laufbahn als Kita-Leiterin zurück und veranstaltet Ferienprojektwochen und Mutmachkurse für Jungen. Das Haus der Familie organisierte diesen Abend in Kooperation mit der KFD. Anlass zu diesem Vortrag gaben auch viele Anfragen von Eltern, die sich darüber wunderten, dass es im vergangenen Jahr einen Mutmachkursus für Mädchen gab, aber für Jungen keine Angebote.

Für die Bories-Osdiek ist die Antwort darauf klar: „Grund sind die Klischees, die einen typischen Jungen ausmachen: Sie sind mutig, rücksichtslos, übermütig und frech“. Aber: „Wir prägen mit unseren – auch unbewussten – Erwartungen das Verhalten unserer Kinder. Der Sohnemann soll sich beispielsweise durchsetzen, aber auch rücksichtsvoll sein, er soll sich wehren, aber auch kein Raufbold sein, er soll gute Noten nach Hause bringen, aber auch kein Streber sein, er soll freundlich sein, aber auch kein Weichei.“

Typisches Verhalten von Jungen sei nicht nur anerzogen, sondern auch Hormone, Gene und das soziale Umfeld (Schule, Freunde) spielten eine große Rolle. Ganz wichtig seien auch die Medien, sie sollten nicht unterschätzt werden. Auch entwickle sich bei Jungen eine Gehirnhälfte langsamer als die andere, und bis zur Pubertät hätten die Jungen einen kleinen Rückstand, den sie erst dann wieder aufholen würden. Zudem handeln Jungen mehr körperlich im Gegensatz zu Mädchen, die mehr verbal agieren.

Jungen würden in den ersten Lebensjahren auch durch die überwiegend weiblichen Bezugspersonen (Kindergarten, Grundschule) geprägt, was sich nachteilig für sie auswirken könne. Je jünger die Kinder sind, desto größer sei der Anteil der Frauen, die diese Kinder betreuen. Jungen hätten in dieser Zeit nur wenig Gelegenheit, männliche Rollenbilder kennen zu lernen, männliche Denkvorstellungen und Handlungsweisen zu entwickeln.

Doch wie legt man die Bausteine für eine positive Entwicklung? Die Referentin hierzu: „Ganz wichtig ist die Begleitung, das heißt, viel Zeit nehmen für das Kind, Verständnis und echtes Mitgefühl zeigen, loben und anerkennen, den Alltag strukturieren und immer wieder fragen: Wie geht es dir, wie fühlst du dich? Soziale Kompetenz kann durch gute Gespräche und gemeinsame Erlebnisse gefördert werden. Das Kind soll sich im eigenen Körper wohl fühlen, deswegen sind Schulung von Motorik und Koordinationsfähigkeit wichtig. Herausforderungen braucht jedes Kind ebenso wie Grenzen. Auch muss es lernen, mit Niederlagen umzugehen.

Die Eltern haben natürlich eine Vorbildfunktion, hier kann der Sohn sich besonders am Vater orientieren und von seiner Andersartigkeit als männliche Bezugsperson profitieren“, so die Referentin, betonte aber: „Natürlich gilt das meiste, was ich hier erzähle, auch für Mädchen.“

Immer wieder suchte die Sozialpädagogin das Gespräch mit den Müttern, ging auf konkrete Fragen ein und lud dazu ein, sich gegenseitig auszutauschen; zum Beispiel darüber, was sich seit der Zeit verändert hat, als sie selbst noch Kinder waren. Die überwiegende Meinung der anwesenden Mütter: „Vieles hat sich verändert, man denke nur an Computer, Handy oder ICQ. Es war zwar damals ganz anders, aber besser war es auch nicht.“

VON ISABEL NIESMANN

Quelle: Westfälische Nachrichten - 21.08.2008

 

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